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Kann nicht kochen, lebe trotzdem (4)

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Tomo. Japaner. Tomo-Alptraum-Kitani. Ich war essen. Mit Tomo. Mehrmals. Zum ersten Mal 2002 und jetzt wieder. Das erste Mal war kurz vor der Fußball-WM in Japan/Südkorea. Damals hat er mir nach einem anstrengenden Tag in Tokyo einen Shinjuku-Spieß angedreht. Ich hasse Tomo heute noch dafür. Der Shinjuku-Spieß ist natürlich eine „Stadtteilspezialität“. Ja, klaro „ein Spieß mit gegrilltem Hundefleisch“ was sonst!? Angepriesen hat Tomo mir die Leckerei damals als absolutes Highlight, das ich auf keinen Fall verpassen dürfte. Der lustige Kollege wusste, dass ich die Köstlichkeit auf nimmer Wiedersehen an mir vorbeiziehen lassen würde, wenn er mir die gruselige Vierbeinerwahrheit sofort offenbart. Also sagte er sehr vertrauenswürdig: „Chicken“ Naiv hab ich, der Hesse, ihm geglaubt. Das Spießchen war dann auch ganz knusper, also gib ihm: noch eins und noch eins und noch eins, mit einem Chili-Ginseng-Curry-Spezial-Chutney und einem eiskalten Exportbier aus der Dose. Sehr lecker, der Spiess, nicht das Bier. Und Tomo hatte Spaß. Er hat auch kräftig reingehauen und noch eins und noch eins und noch eins. Beobachtet hat er mich auch die ganze Zeit und immer wieder gekichert. Dachte nach der zweiten Dose: „Der verträt ja nix, null, nothing, nadaâ“. Nach dem vierten Stecken (á 3 kleinen, knackig gegrillten Fleischhäppchen) und etwas Reis als Beilage, war´s dann soweit: Satt. Pappsatt. Und Tomo sagte nur noch trocken: „No chicken. It´s dog“ Ich: „Dog!!!???“ Er: „Yeap! (nickt dazu und wiederholt) Sure. Dog!“. Wollte tapfer bleiben, aber es ging nicht. Der Hund musste raus und zwar auf dem schnellsten Weg. Es gab kein Halten mehr. Also ab auf die Toilette und tschüss. Wie im schlechten Film. Als ich zurückkam – kreidebleich – rutschte Tomo, lachend und sich die Tränen aus den Augen wischend, fast vom Stuhl. Und als Dreingabe hat er diesen fantastischen Augenblick auch noch mit seinem superhochauflösenden Samsung-Fotohandy festgehalten. Yeap. Das Foto plus 75 Sekunden-Video kamen eine Woche später per Email bei mir an; .sehr lustig, danke Tomo!!! Alle Klischees erfüllt, ganz real. „Tomo, Du Sau!“ Beim Rausgehen habe ich dann erst geschnallt, dass wir südkoreanisch unterwegs waren. Seit dem habe ich tomomäßig nur noch einen Gedanken: kulinarische Rache! Natürlich habe ich seit diesem Tag der Hundespiesse nur darauf gewartet, dass Tomo irgendwann einmal nach Deutschland kommen würde. Und jetzt war es soweit. G-8. Der Gipfel von Heiligendamm machte es möglich. Danke Angela, George und Wladimir! Dank Euch ist Tomo, der Kamera-Assistent von NHK (japan. TV) endlich hier! Nach zehn Arbeitstagen an der Ostsee hängt er ein paar Tage Urlaub dran. Gute Idee, Tomo!!! Die Rache naht: Kalbsbries, Kutteln und Saumagen bis zum Anschlag, alles für Dich! Ich werde Dich schon zum Reiern bringen!!! Kaum angekommen, will Tomo, 38 Jahre, 178cm groß und 110 Kg schwer, etwas essen. Er war mit dem Zug aus Rostock gekommen und der Speisewagen so gut wie geplündert. Der Gute hatte also Hunger. Leider habe ich gerade weder gelblichgrüne Kalbsnierechen, noch schleimige Weinbergschnecken im Kühler. So als nettes „Amuse-Geuele“ nur kurz aufgetaut und aus der Microwelle ja schon einmal ein Anfang gewesen. Aber ich habe einen Plan: Ich werde den müden Tomo unter einem Vorwand aus dem Haus locken, ein paar Minuten am Main entlang gehen und dann rein in die nächste Ãppelwoikneipe. Er soll wenigstens den regionalen Klassiker „Handkäs mit Musik, je älter, desto besser aus nächster Nähe kennenlernen und zwar einen der so stinkt, dass man den Geruch 14 Tage nicht mehr aus den Klamotten bekommt!!! Verkaufe ihm den Handkäs als DIE hessische Antwort auf gemahlenen Walpenis. Potenzmittel und Aphrodisiakum in einem! Es ist Samstagabend, immer noch 20 Grad, Gewitter gerade vorüber und doch ist am Frankfurter Mainufer jede Menge los. Tomo und ich gehen. Und reden. Englisch. Insgeheim freue ich mich schon darauf, ihn gleich den weichschmierigen von Bakterien übersäten Stinkeheimerhandkäse kauen zu sehen. Da kommt uns Karin entgegen. Sie trägt in einer Art indischem Wickeltuch ein Baby vor der Brust. Das Kind schläft. An ihrer Rechten hält sie die Hand eines Typen, der sehr wahrscheinlich der Vater des Kindes ist. Karin und ich kennen uns schon ewig. Wir waren so verdammt schüchtern mit 16. Unsere intimste Erfahrung ist der gemeinsame Auftritt beim Abschlussball im Winter 81 oder 82. Tomo und ich gehen also auf diese sympathische Kleinfamilie zu. Kaum stehen wir, wollen uns gerade begrüßen, da sagt Tomo, den Blick fest auf Karin gerichtet, diesen unglaublichen Satz, diesen Satz, der allen anderen sofort durch Mark und Bein geht. Er sagt ihn einfach so als wäre nix dabei. Astrein und so gut wie akzentfrei. Also er sagt: „Hallo, Du geile Muschi“ Stille. Gefühlte zehntausend Stunden. Karin rutscht die Fassung aus dem Gesicht. Ihr Typ schäumt. Und noch mal sagt der irre Tomo sich selbst wie ein Papagei wiederholend: „Hallo, Du geile Muschi“. Karin schaut mich mit einem Anflug von Ekel an und dreht ab. Ihr Typ hat sich zum Glück im Griff, schüttelt nur den Kopf. Sie gehen direkt weiter. Ich kann gerade noch „ääähhh und sorry“ hinterher rufen. Was war das denn? Grob schiebe ich Tomo Richtung Handkäseparadies. Fünf Meter weiter frage ich ihn, was er sich dabei gedacht habe. Tomo auf englisch und ganz Unschuldslamm fragt: „Something wrong?“ Zwei Tage vorher hat Tomo fast eineinhalb Stunden gewartet. In Heiligendamm. Bis das Journalisten-Shuttle kam, das ihn zur G-8-Pressekonferenz bringen sollte. Neben ihm standen jede Menge ausländische Kollegen und KOLLEGINNEN sowie zwei Sicherheitsleute mit dunklen Sonnenbrillen. Die haben während der gesamten Wartezeit immer wieder diesen Satz vor sich hin gemurmelt: „Hallo, Du geile Muschi“ Vor lauter Langeweile hat Tokyo-Tomo die beiden dann gefragt, was „Hallo, Du geile Muschi“ eigentlich bedeuten soll. Die dunklen Brillen haben geantwortet: „Das ist deutsch und heiß: – Guten Tag, schön Sie kennen zu lernen“.

So lautet jedenfalls Tomos Version. Tomo das Opfer. Tomo der Täter. Übrigens der Handkäse war an diesem Abend in der Äppelwoikneipe ausverkauft. Mein Japaner bekam die leckerste Frankfurter Soße, die Frankfurt zu bieten hat und war selig bis zum Fujijama. Wann Tomo das nächste Mal nach Deutschland kommt? Nee, das weiß er noch nicht.

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