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Ronni Droplet: Kochen, schmecken, riechen (2)

Mittlerweile waren drei Monate vergangen. Die Schwellungen im Gesicht von Robeiro Louis Montagui Estaqqueiro waren prägender Bestandteil seines Äußeren geworden. Der Mehlsack hatte seine Nase zertrümmert, nach innen gedrückt und seine beiden Gesichtsbacken derart anschwellen lassen, dass unser Smut nicht nur einen Arsch in der Hose sondern nun auch auf seinem Hals trug. Völlig klar. Also: War Robeiro Louis Montagui Estaqqueiro bisher wegen seines Höllenfraßes gefürchtet und gehasst, war „das stumme Arschgesicht  nun dem unbarmherzigen Gespött einer 32ig-köpfigen Besatzung ausgeliefert. Verwunderlich war nur, wie gleichgültig dieser Mann, ausgestattet mit einer athletischen Figur, die noch nie eine körperliche Auseinandersetzung gescheut hatte, mit den täglichen Demütigungen umging. Eines Tages sollte er mir die Antwort auf einen Zettel schreiben. Aber dazu später.

Ich Ronni Droplet, war dagegen beliebter als je zuvor. Auch wenn ich bisher nur die Drecksarbeit für alle gemacht hatte, hatten die Matrosen für ihren kleinen  Nariz grosso” – Kose- und Verniedlichungsform  Narizzo” – immer ein gutes Wort übrig. Irgendwie schien ich, gerade mal einmeterfünfzig groß, spindeldürr, mit einem viel zu großen Kopf auf den Schultern und einem mächtigen Riechschwamm zwischen den Ohren, eher einen bemitleidenswerten Eindruck gemacht zu haben. Aber jetzt, als Herr der Kombüse, nannten Sie mich ehrfürchtig  Mestre da cozinha”. Dabei war das Geheimnis meines Erfolges ganz einfach: Salz ! Einfach nur hier und da ein bischen Salz. An den Fisch, das Fleisch, die Suppe, die Kartoffeln, den Reis. Verdammt, ganz einfach war das. Hatte die Besatzung unter Robeiro Louis Montagui Estaqqueiro befürchtet er wolle sie mit seinen  Allesaufeinmalineinentopfgerichten” tagtäglich vergiften, verwandelten eine bis zwei Prisen Salz meine bescheidenen Speisen zu wahren Gaumenwundern. Es schien so, als hätten Sie den Geschmack von Salz verlernt, vergessen, verloren oder die Erinnerung daran schon beim anheuern an Land abgegeben. Und Robeiro Louis Montagui Estaqqueiro? Verdammt, dieses ewig grinsende Arschbackengesicht war glücklich. Er führte mich in die Ordnung und Struktur der Kombüse ein, erklärte mir mit ausschweifender Gestick welcher Topf, welche Pfanne, welcher Bräter, welche Messer, Löffel, Spieße usw. welchen Zweck zu erfüllen hatten. Robeiro Louis Montagui Estaqqueiro hatte sichtlich Freude daran,  meu narizzo pequeno”, seiner  kleinen Dicknase” alles beizubringen, was ein Smut in der Kombüse können mußte. Nur salzen, schmecken und riechen fehlten in seinem Lehrplan.

Dann, in der Nacht zum 17. April 1964, es war mein Geburtstag, schob mich mein Lehrmeister einfach aus der Kombüse, schloss sich ein, um kurz vor Mitternacht nicht mir, sondern den Seewächtern ihre kleine, warme Mahlzeit zu bringen. Ganz langsam ließ er die Teller, die er auf einem großen Tablett ausgebreitet hatte, mit seinem breiten Arschgrinsen an meinen staunenden Augen vorbeiwandern. Verdammt; dieser alte faulige Seesack.
Was, war´n das ? Meine Nase wollte explodieren. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich etwas derartig herrliches, wunderbares, atembraubendes gerochen. Unbeschreiblich. Betörend. Narkotisierend.
Was ich nicht riechen konnte war, dass Robeiro Louis Montagui Estaqqueiro, nachdem er den Mittelwächter serviert hatte sich, den Rücken zum Meer gewandt an den Bug stellte, die Arme ausbreitete und sich mit den Worten  Este menino tem excepto minha vida” – Dieser Junge hat mein Leben gerettet  – rücklings in den Schlund des blauen Ozeans fallen ließ. Und das an meinem Geburtstag. Verdammt, Geburtstagsgeschenke sahen für mich bisher anders aus.

Völlig klar. Also: Was zum Teufel hatte er den Seewächtern gekocht? Wie hatte es diese Missgeburt fertig gebracht, einen offensichtlich betörenden, mitternächtlichen Seeimbiss zuzubereiten? Nur der liebe Gott weiß, warum alle davon überzeugt waren, daß ich   O aprendiz do mágico”, der Zauberlehrling, wie ich ab sofort gerufen werden sollte, diesen Gaumentraum gezaubert haben sollte.

Am Ende saß ich alleine in der Kombüse. Auf Deck wurde die letzte Wache eingeläutet. Das Schiff zog seine Spur durch den Bach. Und ich lachte. Nein. Verdammt, ich brüllte vor Lachen und ich heulte. Ich hielt den Zettel, die letzten Worte des Robeiro Louis Montagui Estaqqueiro in meinen Händen.
Mein Sohn” war darauf zu lesen,  Wenn Dir das Leben am Arsch vorbei geht, dann kannst Du ihn auch im Gesicht tragen.”

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